Die Römer am Rhein und ihre Kastelle im Neuwieder Becken
Heimatgeschichte
von Hermann Müller † Gründungsmitglied der GGH Der Rhein mit seinen Ufergebieten erreichte nicht erst in den napoleonischen Kriegen eine große Bedeutung, die ihm die Bezeichnung eines Schicksaisstromes eintrug, sondern schon zu Beginn der eigentlichen mitteleuropäischen Geschichte spielte er in politischer und vor allem in strategischer Hinsicht eine große Rolle. Denn hier traf bereits vor Christi Geburt die hochkultivierte antike Welt durch den militärischen und zivilisatorischen Aufmarsch des römischen Imperiums auf eine Barriere germanischer Stämme und Völker voll ungebrochener Vitalität und Freiheitsliebe, die in fast 400jährigen Kämpfen ihre Selbständigkeit zu behaupten wußten. Es begann im Jahre 59 v. Chr., da Gaius Julius Caesar als Prokonsul den Oberbefehl über die römische Provinz Gallia cisalpina erhielt und mit seinen Legionen das noch nicht besetzte restliche Gallien (Frankreich, Belgien, Niederlande) eroberte. Als zwei Jahre später ein mächtiger germanischer Stamm, die Sueben (Schwaben), unter ihrem König Ariovist mit 120.000 Kriegern den Oberrhein überschritt und bis zur Loire vordrang, war für Rom der Zeitpunkt gekommen, sofort gegen diese Invasion vorzugehen. Caesar eilte mit seinem Heer zu seinem zahlenmäßig weit überlegenen Gegner, schlug ihn bei Mülhausen und trieb ihn zurück. Doch war damit keineswegs die Angriffswoge germanischer Stämme gebrochen. Schon zwei Jahre später, 56 v. Chr., überschritten hier am Mittelrhein die Tenkterer und Usipeter den Strom und drangen in gallisches Gebiet vor, wobei sie auf dem Maifelde bei Ochtendung auf Caesars Legionen stießen. Zunächst kam es nicht zur Schlacht, da der römische Feldherr die germanischen Anführer zu angeblichen Verhandlungen in sein Lager lockte. Dann aber überfiel er die in einem ungesicherten Lager versammelte und auf einen Waffenstillstand vertrauende Masse der beiden Stämme mit seiner gesamten Reiterei von 5000 Mann und ließ in der ausbrechenden Panik und Flucht über 43.000 Menschen, darunter Frauen und Kinder, niedermetzeln Nach diesem schon damals völker- rechtswidrigen Bruch, der selbst in Rom Abscheu erregte, verlangte Caesars Widersacher Marcus Porcius Cato im Senat die Abberufung des römischen Feldherrn und seine Auslieferung an die Gegner, was natürlich von Caesars starkem Anhang abgelehnt wurde. Um die Germanen jenseits des Rheines noch mehr abzuschrecken, beschloß Caesar, den Strom zu überschreiten und direkt in das Stammland dieser wilden und unruhigen Stämme vorzustoßen. So ließ er im Jahre 56 v.Chr. auf einer kriegstechnisch hervorragend konstruierten Pfahlbrücke seine Legionen über den Fluß marschieren und einen Brückenkopf ausbauen. Man streitet sich heute über die Lage dieser ersten Brücke über den Rhein, Während sie viele Historiker zwischen Urmitz und Weißenthurm vermuten, neigt man neuerdings zu der Ansicht, daß Caesar sie bei Bendorf errichten ließ, weil hier ganz in Stromnähe Fundamente einer früh-römischen Befestigungsanlage festgestellt wurden, die durchaus in Form und Ausdehnung dem im Neuwieder Becken stehenden römischen Heere als Operationsbasis dienen konnte. Ferner wissen wir aus Caesars Kriegsberichten (Bellum gallicum), daß er auf einer Rheininsel (Graswerth?) beim Rückmarsch einen vierstöckigen Wachtturm errichten ließ, der in Signalverbindung mit Lagern in Kesselheim und Urmitz stand. Der Sayner Chronist Joh. Phil. von Reiff enberg versuchte im Großteil seiner Aufzeichnungen, der "Antiquitates Saynenses anno 1684" zu beweisen, daß Caesars Pfahlbrücke zwischen Engers und Neuwied das rechte Ufer erreichte, wobei der Freiherr selbst noch seinerzeit die Brückenwiderlager in Stein entdeckt haben will, die er sogar in seinem Buch skizzierte. Doch ist dies nirgendwo sonst belegt und bleibt recht zweifelhaft. Caesar hielt sich nur 18 Tage bei uns hier am rechten Ufer auf, ließ kleine Vorstöße in den vorderen Westerwald ausführen und dabei Höfe und Ortschaften in Flammen aufgehen. Zur Feindberührung kam es nicht, da die Germanen sich in das Innere des Landes zurückzogen. Bis zur Insel ließ er die Brücke beim Rückzug verbrennen, der übrige Teil blieb stehen und unter sorgfältiger Bewachung. Noch einmal, im Sommer 53 v. Chr., überschritt er mit einem Heer den Fluß, hielt sich jedoch wieder nur wenige Tage auf der rechten Rheinseite auf, da er auch dieses Mal auf keinen Gegner stieß, denn die germanischen Stämme hatten frühzeitig das Vorland geräumt. So brachten die beiden Rheinübergänge dem römischen Feldherrn keine wesentlichen kriegerischen Erfolge, doch hinterblieb bei den Germanen eine tiefe Wirkung, nachdem sie kurz hintereinander den Aufmarsch dieses großen Heeres in ihr Gebiet beobachten konnten, das sie zunächst nicht mehr herausfordern wollten. Sie hatten die gewaltige Macht Roms erkannt und wagten, fürderhin nicht mehr den Strom zu überschreiten, der nun die Grenze geworden war. Zunächst sicherten die Römer das besetzte linke Rheingebiet durch Anlagen militärischer Stützpunkte, aus denen sich dann im Laufe der Zeit Städte bildeten, die bald bestimmte Funktionen erfüllten. So galt Mogantiacum (Mainz) als Hauptquartier der gesamten Rheinfront von Basilia (Basel) bis Vetera castra (Xanten); Colonia Aggripina (Köln) entwickelte sich zur Handelsmetropole, und Augusta Treverorum (Trier) wuchs zur großen Nachschubbasis für die am Rhein eingrabenen Legionen aus. Gerade diese Stadt an der Mosel erlebte einen rapiden Aufschwung, da der Ausbau der großen strategischen Fernstraßen vom Mittelmeer Massilia (Marseille) durchs Rhonetal über Lyon nach Straßburg einerseits und durchs Moseltal nach Confluentes (Koblenz) - Mainz und auch Köln andererseits die günstige wirtschaftliche Entwicklung beschleunigte, so daß diese im Laufe der Jahrhunderte großzügig mit Thermen, Tempeln und Amphitheater ausgestattet wurde und bald in den cisalpinen Provinzen als erwünschter Alterssitz römischer Verwaltungsbeamter galt. So starb auch dort als Pensionär ein gewisser Pontius Pilatus, der um die Zeitenwende Statthalter der römischen Provinz Judäa war! - Erst als im Jahre 12 v. Chr. Kaiser Augustus Oktavian seinem Stiefsohn Drusus den Oberbefehl an der Rheingrenze übertrug mit dem Auftrag, die Reichsgrenze bis zur Elbe vorzuverlegen,- damit diese zusammen mit der Donau im Osten die kürzeste und damit günstigste Linie für die Verteidigung bildete, änderte sich die Lage. Mit genialer Strategie führte Drusus in zangengleichem Doppelangriff einen Feldzug über den nördlichen Rhein und die mittlere Donau unter gleichzeitigem Einsatz einer in der Nordsee operierenden Flotte gegen die Küstenstämme, wobei diese in die Ems eindrang und die vorrückenden Legionen an der Nordflanke unterstützte. Im Sommer des Jahres 11 v. Chr. griff Drusus frontal am gesamten Mittelrhein über den Fluß die Stämme der Cherusker, Sugambrer und Tenkterer an. Im Gewaltmarsch überrumpelte er die zusammengeströmten germanischen Kriegsscharen, die die bereits begonnene Abwehraktion unterlassen mußten. Ihrer später immer: wiederholten Taktik folgend, wichen sie dem überlegenen Gegner in unwegsame Urwälder aus und erschöpften ihn beim Marsch durch Überfälle und Wegsperrungen. Der dritte Feldzug des Drusus richtete sich von Mainz aus gegen die Chatten (Hessen) und diente vor allem der Sicherung des eroberten Taunus (Lager Saalburg), während sein letzter Vormarsch am weitesten nach Osten quer durch das germanische Land bis zur Elbe ging, deren Überschreiten ein starkes semnonisches Heer verhinderte. Hier begegnete der kühne Feldherr in legendärer Situation einer Vala (Seherin), die seinen baldigen Tod voraussagte. Tatsächlich stürzte er bald auf dem Rückmarsch an der Saale so unglücklich mit dem Pferd, daß er kurze Zeit später in den Armen seines aus Rom herbeigeeilten Bruders Tiberius starb, der den Oberbefehl übernahm. Auch er führte konsequent die Strategie zur Eroberung Germaniens bis zur Elbe weiter, wobei er im Süden die Markomannen unter ihrem König Marbod gegen die Donau nach Osten drängte, sodaß sie sich schließlich Im heutigen Bayern und Böhmen niederließen. Im Norden gelang es Tiberius, der zwischenzeitlich den Oberbefehl an den weniger erfolgreichen Statthalter Domitus Ahenobarbus abgegeben hatte, dann in den Jahren 4-6 n Chr. an der Weser die Cherusker zu besiegen und damit fast das gesamte germanische Gebiet zu beherrschen. 9 n. Chr. löste ihn ein neuer Statthalter, Quinctilius Varus, ab, der sogleich mit Eifer und Härte versuchte, vor allem_das römische Recht in den gerade eroberten germanischen Gebieten einzuführen, was bald zum erbitterten Widerstand der dadurch entrechteten Gaufürsten und (durch Steuereinziehung) bei den erregten Volksstämmen führte. Der Cheruskerfürst Arminius (nicht Hermann, sondern Armin war sein Name, der dann in Arminius latinisiert wurde) im römischen Heeresdienst ausgebildet, organisierte mit hartem Willen und großer Umsicht den Widerstand. Als römischer Ritter und, wie auch sein Bruder Flavus, hoch-angesehen im Gefolge des Varus, veranlaßte er den Statthalter, mit der gesamten Rheinarmee gegen einen angebllch im Innern des Landes ausgebrochenen Aufstand zu ziehen. Zwölf unter Armins Führung vereinigte Stämme überfielen dann im Teutoburger Wald während eines tagelang anhaltenden heftigen Sturmes den römischen Heereszug beim Passieren sumpfiger Waldschluchten, in die der Cherusker ihn geleitet hatte, ehe er sich zu seinen Leuten absetzte. In dreitägiger Schlacht vom 9-11. September 9 n. Chr. wurden die XVII., XVIII. und XIX. Legion sowie alle Hilfstruppen, insgesamt über 50.000 Mann, völlig aufgerieben. Auch die Reiterei unter Vala Numonius wurde auf der Flucht eingeholt und ebenfalls vernichtet. Nur geringe Teile des Trosses erreichten das nahe Kastell. Aliso. Varus stürzte sich in sein Schwert, als die Lage aussichtslos wurde. Der fürchterlichen Niederlage folgte die Erstürmung aller Römerkastelle im rechtsrheinischen Gebiet. Germanien war bis zum Rhein wieder frei. Arminlus sandte das Haupt des Varus an den Markomannenkönig Marbod mit der Aufforderung, nun gemeinsam gegen die Römer vorzugehen. Jener aber schickte den Kopf zu Kaiser Augustus nach Rom weiter und verhielt sich abwartend. So zeigte sich schon damals wie auch in unseren heutigen Tagen der Mangel an völkischer-nationaler Zusammengehörigkeit, blieb doch auch Armins Bruder Flavus selbst weiter auf Seiten der Römer. In Rom, wo die Nachricht von der Katastrophe ungeheure Erregung hervorrief, fürchtete man fest den Vorstoß des Arminius mit seinen siegreichen Germanen über die Alpen, denen sich dann alle südlichen und südöstlichen Stämmen anschließen würden. Aber jenem fehlte das Format eines Feldherrn. Wohl war er ein tapferer Truppenführer, der seine ungestümen Partisanenscharen taktisch gut einzusetzen wußte, aber er zeigte sich nicht als Stratege, sonst hätte er mit seinen starken Verbänden zumindest die gesamte, fast truppenleere Rheinfront von der Flanke her aufgerollt. (Statt dessen führte er einen Krieg gegen seine Nachbarn, die Chatten.) Trotzdem gebührt ihm das Verdienst, Germanien von der Fremdherrschaft befreit zu haben. Kaiser Augustus schickte zunächst seinen bewährten Feldherrn Tiberius nach Norden, der sofort alle Truppeneinheiten aus Gallien an den Rhein beorderte, so daß wieder 8 Legionen dort standen. Ferner ließ er alle 50 noch von Drusus errichteten Kastelle am linken Ufer verstärken. Er überschritt sogar im Jahre 11 n. Chr. den Strom, operierte dann aber im germanischen Vorland mit größter Vorsicht. 13 n. Chr. löste ihn Germanicus ab mit der Order aus Rom, seinen geplanten Rachefeldzug gegen die Cherusker nur mit größtmöglicher Flankendeckung auszuführen. Arminius baute Abwehrschanzen dagegen, die später bis zur Höhe am Mittelrhein verlängert wurden und deren Spuren heute noch am vorderen Westerwald zu finden sind. (In einem eigenem Kapitel wird darüber zu berichten sein). Die Römer begnügten sich mit kurzen Vorstößen über den Rhein und gaben die Eroberung in großangelegter Aktion auf. Sie hatten offenbar die Gewißheit gewonnen, daß die Germanen nicht nur dem Namen nach, sondern auch in ihrem Freiheitsdrange keine Kelten (Gallier) waren. Man begann in Rom in den strategischen Planungen am Rhein umzudenken. Obwohl nun der Strom allgemein als Reichsgrenze die beste Verteidigungslinie bildete, behielten die Römer dennoch zwei Landstriche jenseits des Rheins besetzt, einmal den vorderen Taunus bis zur Wetterau mit den Heilquellen und Bodenschätzen und der wichtigen Brückenverbindung Castell- Mainz und ferner das Neuwieder Becken, unsere Heimat. Wie wichtig ihnen seit Caesars Übergang dieses weite, von Randbergen umgrenzte, fruchtbare Becken war, geht daraus hervor, daß sie schon am
linken Rheinufer auf einer Strecke von nur 25 km an der Heerstraße fünf Befestigungswerke anlegten von Confluentes (Koblenz), das eine Schiffbrücke mit dem linken Ufer verband, über die Lager Neuendorf, Kesselheim, Kaltenengers und Urmitz, wie heute die Ausgrabungen beweisen. Am Nordende des Neuwieder Beckens aber, dort, wo der Fluß wieder von Bergen eingeengt wird, wurde schon unter Drusus an wichtiger strategischer Stelle das Kastell Antunnacum (Andernach) errichtet. Und im Becken selbst erbauten die Römer bei Heddesdorf, Bendorf und Niederberg Lager, die natürlich in enger Verbindung mit den Kastellen am linken Ufer standen. Auf der Strecke rheinaufwärts von Koblenz finden wir erst nach 26 km wieder ein römisches Kastell, Bodobriga, das heutige Boppard. Der Limes - Grenzsicherung der Römer (im Endausbau) Bevor wir nun in großen Zügen zur Grundkonzeption der Strategie der Römer am Rhein mit der Errichtung des gewaltigen Grenzwalls, des Limes, kommen, müssen wir kurz auch über das römische Militärwesen berichten, das ja überhaupt erst diese globale Machtentfaltung des Imperiums ermöglichte. - Das römische Heer, weitgehendst von Caesar geformt und mit festen Dienstvorschriften, wie etwa dem Lagerbau, versehen und von Kaiser Augustus dann reformiert, setzte sich aus den Legionen und den Hilfsformationen, Auxilien, zusammen. Eine Legion bestand aus 6000 Schwerbewaffneten zu Fuß und 120 Reitern. Sie wurde ergänzt durch 2000 Fußsoldaten und 700 Reiter der Auxiliarverbände, in denen nur Angehörige aus den besetzten Gebieten dienten, während die Legionen sich aus Männern aus Italien mit dem röm. Bürgerrecht rekrutierten. Nur in Krisenzeiten galt die allgemeine Wehrpflicht, die 20 Jahre dauern konnte. Als Altersversorgung erhielten die Legionäre beim Abschied eine größere Abfindnug oder später ein Stück Land in Grenznähe, während die Hilfstruppen nach Ableistung der Wehrpflicht neben Geld- oder Bodenzuwendung auch das römische Bürgerrecht erhielten. Die Veteranen dienten noch fünf Jahre in den Lagern der Etappe, rückten aber sofort bei kritischen Situationen in die Front. In einem Legionslager, das grundsätzlich im Karree mit Ecktürmen und vier Mittelausgängen angelegt wurde, waren meist an 12.000 Soldaten stationiert; hinzu kamen noch Pioniere und Caroballisten mit dem schweren Kriegsgerat und dem Troß. Meist kommandierte ein Legat die Legion, etwa ein Divisionsgeneral; darunter gab es Chargen von 12 Stabsoffizeren wie Tribunen und Praefekten als Kommandeure der Kohorten und Alen (Reitereinheiten). Zwischen dem Centurio (etwa einem heutigen Kompanieführer) und dem gemeinen Soldaten gab es zahlreiche Dienstgrade vom Immunis (Gefreiten) über verschiedene Unteroffizierschargen bis zum Tessarius, dem Adjutanten des Centurio, so daß die römischen Soldaten ständig vor einer Beförderung stehen konnten, was natürlich ihren Ehrgeiz und Einsatz förderte. Die Verpflegung war für Vorgesetzte und Soldaten gleich wie auch die Disziplinarstrafen, die mitunter recht drakonisch sein konnten, So trat das Beil des Liktors in Aktion bei Feigheit vor dem Feind, Verrat, Unzucht und Befehlsverweigerung. Der Legionär, der gewohnt war, in den Feldzügen fast immer gegen zahlenmäßig stärkere Feinde zu kämpfen, ging dennoch mit dem Gefühl der Überlegenheit ins Gefecht, da er meist hervorragend, geführt wurde und so gedrillt war, daß aufgrund der harten Waffenausbildung (im Lager täglich mehrere Stunden) und der absoluten Disziplin die befohlene Gefechtstaktik zum Sieg führen mußte. In fester Reihe vorgehend, meist frontal zum Feind, wobei auf 15 m eine Speersalve auf Kommando geschleudert wurde, ehe, auch auf Befehl, die Schwerter aufblitzten und die mit Schildern geschlossene Phalanx zum Nahkampf in den Feind drang, so waren die Legionen, an den Flanken durch Reiterei verstärkt, meist in der Lage, noch so wilde und große Kriegsscharen zurückzuschlagen, womöglich zu durchbrechen und dann aufzureiben. Am Rhein änderte sich erst wieder die defensive Strategie der Römer, als Kaiser Caligula 39 n. Chr. eine Epoche begrenzter Expansion begann und von Mogantiacum (Mainz) aus gegen die Chatten vorging. Seine Nachfolger Claudius und Vespasian führten ebenfalls kleinere Feldzüge, die lediglich der Einschüchterung des Gegners dienten. Dann brach im Jahre 69 n. Chr. von den Niederlanden her der Bataveraufstand unter dem Anführer Civillis aus, der mit furioser Gewalt die gesamte Rheinfront vom Norden her bis zur Mosel auf rollte, wobei alle Rheinkastelle gestürmt und zerstört wurden und sogar Trier den wütenden Barbaren nicht standhalten konnte. Erst als ein neuer Oberbefehlshaber, Petilius Cerealis, im röm. Hauptquartier in Mainz eintraf, wendete sich 71 n. Ch. die Lage. Im Zangenangriff durch das Moseltal aufwärts und den Rhein abwärts, gelang es ihm, Civilis zurückzudrängen und ihn in 2-tägiger Schlacht bei Xanten zu schlagen. - Danach erlebten die beiden linksrheinischen röm. Provinzen Germania inferior (Untergermanien) und Germania superior (Obergermanien) eine 200- jährige Friedenszeit, in der die röm. Verwaltung Wurzel schlagen konnte. Mit der Begabung der Lateiner, Kultur und Zivilisation in ihre Provinzen zu schaffen, mischten sich keltisch germanische Elemente, so daß bald ein wirtschaftlicher Wohlstand wuchs, der im gewissen Gegensatz zu den Verhältnissen jenseits des Rheines stand und dort einen ständigen Anreiz zur Eroberung auslöste. Hiergegen richtete sich nun die umgewandelte römische Strategie zur Abschirmung. So begann man unter Domitian mit dem lückenlosen Bau eines Grenzwalls, der mit seiner Länge von 500 km, seinen rund 1000 Türmen und seiner Tiefenstaffelung von Feldlagern und Kastellen für die damalige Zeit ein gigantisches Festungswerk bildete. Bei uns hier am Mittelrhein lag die Schwerkraft der Grenzverteidigung wei terhin auf der rechten Rheinseite. Bei Hönningen, der Nahtstelle zwischen Ober- und Untergermanien, begann der Limes und verlief dann am Neuwieder Becken 6- 8 km vom Fluß ostwärts nach Süden. Nicht nur bei Heddesdorf, Bendorf und Bad Ems standen größere Kastelle, die durch Lager bei Anhausen, Hillscheid und Arzbach verstärkt wurden, sondern auch bei Ehrenbreitstein-Niederberg erhob sich ein mächtiges Kastell mit einem ausgedehnten Lagerdorf, das als Brückenkopf für Confluentes (Koblenz) diente. Es wurde von der XXII. Legion erbaut, einer Einheit, die über 300 Jahre (sich natürlich immer wieder von Generation zu Generation rekrutierend) hier am Mittelrhein lag. Hypokaustenziegel - eingemauert in der Außenwand der Medarduskirche zu Bendorf So fand man z. B. 1890 im Garten der Villa Erlenmeyer Legionssteine mit der römischen Ziffer XXII, und auch bei den Ausgrabungen am Kastell an der Werftstraße sowie in der Kirche entdeckte man Hypokausteine mit dem Zeichen der XXII. Legion. Sie erschlossen ihr Gebiet durch Straßen, Wasserleitungen (eine lief 50 km quer durch die Eifel!), betrieben Silbergruben in Ems und Braubach und förderten Bleierz im Condertal bei Dieblich. In Höhr-Grenzhausen führten sie den Gebrauch der Drehscheibe und der gemauerten Großöfen der dort heimischen Tonindustrie ein und sorgten für einen Aufschwung, der hinter dem Schild der Grenzlegionen während diesen 200 Friedensjahren zu einem gewissen Wohlstand für die Bevölkerung wachsen konnte. Strategisch gesehen blieben die Römer bei dem Verzicht auf eine weitere räumliche Ausdehnung ihres Herrschaftsbereiches, der letztlich auf der allmählich wirkenden Schwäche an Wehr- und Finanzkraft beruhte. Domitians Verdienst war es, diese Einsicht in eine zielbewußte Strategie der Abwehr mit dem Bau des Limes umgesetzt zu haben, die dann seinen Nachfolgern ahrhundertelang die Richtung gewiesen hat. Zur verstärkten Sicherung des Neuwieder Beckens errichteten die Römer 190 n. Chr. ein größeres Castell bei Niederbieber, während sie das bei Heddesdorf danach räumten. Dieses neue Lager war 200 m breit, 265 m lang und bedeckte insgesamt eine Fläche von 5,25 Hektar, wobei es in Größe und Stärke durchaus den beiden alten Römerstädten Koblenz und Andernach nicht nachstand. Wie diese war es auch mit Wällen, Gräben, Mauern und Türmen umwehrt. Seine Besatzung bestand aus Truppenteilen der VIII. und XXII. Legion und aus der IV. Vindelicischen Reiterkohorte. Von den Feldlagern bei Anhausen, Hillscheid und Arzbach wurden die Grenztürme mit Wachen beschickt. WP. 1/54, Sayn - Turmrekonstruktion - Auf diesem Bilde erkennt man genau die Struktur des Limes, wie Ihn Trajan auszubauen befahl, mit Palisaden, Graben, Wall und Wachturm. Postkarte von 1912 Der Sayner Römerturm auf dem Pulverberg (WP.1/54) wurde von Soldaten einer nahen Erdbefestigung besetzt, deren niedere Wälle noch heute in einem freien Waldstück südwärts fesztzustellen sind. Dieser Sayner Turm markierte später die Grenze zwischen Preußen und Nassau, und heute verläuft noch hier die Gemarkungslinie zwischen Sayn und Stromberg. Trajan, ein Kaiser mit Vernunft und rationellem Denken und Planen, versuchte, die Nordgrenze des Reiches durch langjährigen Frieden mit den germanischen Stämmen zu sichern, was ihm auch gelang. Doch war er viel zu klug und umsichtig, danach nicht die Rüstung zu vernachlässigen, denn er wußte zu gut, was sich da im Osten zusammenbraute. So nahm er die Grenzlegionen in strenge Zucht, ließ den Limes mit einem hohen Palisadenzaun zu Wall und Graben versehen und baute ab dem Main den sogenannten raetischen Limes (Nordgrenze der Provinz Raetia) durchgehend mit einer 2,80 m hohen Steinmauer bis zum Fluß Altmühl, der zur Donau fließt. Dabei erkennt man heute die Vorliebe der Römer zur geometrischen Bauausführung, da sie streckenweise den Limes unter völliger Mißachtung der geographischen Gegebenheiten und taktischen Möglichkeiten in absolut gerader Linie über Berge, Hügel, Flüsse und Niederungen führten. So läuft z. B. bei Walldürn 60 km lang die Trasse des Limes wie mit einem überdimensionalen Lineal gezogen auf Miltenberg(Odenwald) zu, was heute Luftaufnahmenbeweisen. Man achtete mehr auf die seitliche Verbindung, wobei die Besatzung der Türme in Sichtkontakt sein mußte. Auch die Nachfolger Trajans, Hadrian, Anton und Marc Aurel, sowie später Diokletian, hielten sich beim Ausbau des Limes an dieses Schema, doch waren sie auch um die Staffelung zur Etappe besorgt, sodaß jeder Grenzübertritt sich in einem Netz militärischer Anlagen verfangen mußte. Zu Beginn des dritten Jahrhunderts veränderte sich mehr und mehr die Struktur der römischen Rheinverteidigung, denn die Grenzlegionen bestanden kaum noch aus Römern aus dem Mutterland, sondern rekrutierten sich hauptsächlich aus dem linksrheinischen Germanien. Zudem hatten Pest-Epidemien, wie bereits im Pestbericht erwähnt, die Wehrstärke erheblich dezimiert, sodaß Hilfsvölker und Bundesgenossen auch hier am Rhein die Lükken füllen mußten. Wohl versuchte Kaiser Severus Alexander noch, die Schlagkraft der Grenztruppen zu heben, indem er ihnen Acker land am Limes gab, sodaß sie nun Hof und Familie zu verteidigen hatten, aber dadurch machte er sie auch taktisch unbeweglich. So fehlte, als es ernst wurde, eine mobile schnelle Einsatzarrnee, sodaß Mitte des dritten Jahrhunderts bereits germanische Sfämme den Limes durchbrechen und einzelne Kastelle stürmen konnten. Auch das Kastell Niederbleber fiel 259 durch einen Nachtangriff, wobei die Besatzung von 1000 Soldaten, meist spanische Auxiliarsoldaten, bis auf den letzten Mann niedergemacht wurde. Daraufhin räumten die Römer das Neuwieder Becken, gaben auch das große Castell von Niederberg auf und zogen sich auf das linke Rheinufer zurück. Nochmals gelang es 364 Kaiser Valentinian, die Rheingrenze drei Jahrzehnte lang zu halten, indem er mit äußerster Brutalität seine Abwehrvorstöße führte. Er ließ die Legionslager ganz in Stein ausbauen, wobei Confluentes (Koblenz) als Sitz eines höheren Truppen-befehlshabers (Praefektus militum defensorum) mit 19 Türmen befestigt wurde, wovon heute noch zwei in der Altstadt beim Pfarrhaus Liebfrauen stehen. Die aus dem Osten vorbrechenden Volksstämme der Westgoten, Vandalen und Hunnen zur beginnenden Völkerwanderung zwangen die Römer, ihr Mutterland selbst zu verteidigen und ihre besten Truppen nach dort abzuziehen. Und so konnten zu Beginn des 5. Jahrhunderts die in unserer Gegend ansässigen Tenkterer und Chatten den Rhein überschreiten, Koblenz stürmen und einäschern und moselaufwärts vorrücken. Nördlich vom Mittelrhein drangen die Franken über den Fluß, eroberten Köln und breiteten sich auch nach Süden aus. Als ihr König Chlodwig 481 seine Macht antrat, war bereits Trier im Besitz der Franken, und auch Koblenz, das wieder aufgebaut wurde, schloß sein Reich ein.
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