Fritz Franzen - Eine Stadt zwischen Bangen und Hoffen
Heimische Industrie
aus der Geschichte unserer Heimatstadt: Fritz Franzen - Eine Stadt zwischen Bangen und Hoffen ist der Titel eines Buches, das der Autor Fritz Franzen, am 14.Oktober 1999 der Öffentlichkeit vorstellte und das die jüngere Geschichte der Stadt Bendorf aus der Sicht eines engagierten Gewerkschaftlers beleuchtet. Mit dem Abdruck des Werbetextes des Verlags möchten wir Ihnen eine Einführung in den Inhalt der Neuerscheinung geben. Der Autor Titelfoto der Werbeschrift des Verlages (Waschzettel) Fritz Franzen ist Zeitzeuge und bringt als langjähriger Erster Bevollmächtigter der Koblenzer IG Metall zur Bearbeitung des Stoffes u m f a n g r e i c h e s Insiderwissen ein. In packendem Stil versteht er es, die Leser an den inzwischen historischen Stoff heranzuführen. Seine Schilderung der Geschehnisse ist sorgfältig dokumentiert. Er belegt die überregionale Bedeutung einer 1946 abgeschlossenen Rahmenbetriebsvereinbarung. Der Autor bezeugt, wie sich die Begeisterung für das werdende Europa Bahn bricht. Er schildert die Spuren, die der RAF-Terror hinterläßt und recherchiert den Kampf der Bevölkerung um den Erhalt des Industriestandortes Bendorf. Die innere Spannung erreicht Fritz Franzen durch den Bezug zur Gegenwart, den er zu den in seinem Buch handelnden Persönlichkeiten herstellt. Er war Wegbegleiter und ist gestaltende Person gleichermaßen. Das macht sein Buch lesenswert. Wo es ihm geboten erscheint, schlägt er Brücken zu seinem 1997 in der zweiten Auflage erschienenen Buch "Gewerkschaften zwischen Krisen und Aufbruch". In einer Rezension in den WSI-Mitteilungen "Monatszeitschrift des Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts in der Hans-Böckler-Stiftung" heißt es hierzu: "Dadurch, daß die ganze Arbeit in der Gegenwartsform geschrieben ist, der Text immer wieder auf spätere Entwicklungen und das Wirken handelnder Personen bis zur Gegenwart hinweist, werden Lebensnähe und innere Spannung der Darstellung außerordentlich gesteigert." Die Geschichte Wir haben den 15. Dezember 1944. Beim Abhören der alliierten Rundfunksender läßt die dienstverpflichteten Arbeiter und Angestellten der Concordiahütte eine Nachricht aufhorchen. Zögernd nehmen sie zur Kenntnis, daß der oberste Befehlshaber der alliierten Streitkräfte, General Eisenhower, die "Bekanntmachung über Arbeiterfragen und Gewerkschaften" erlassen habe. Am 10. September 1945 erläßt General Koenig die Verordnung Nr. 6. Die Bekanntgabe enthält die Wiederherstellung des Gewerkschaftsrechtes. Das kommt den sich auch in Bendorf inzwischen abzeichnenden ersten Ansätzen einer wiederauflebenden Gewerkschaftsarbeit entgegen. Für die Menschen wird die Einführung des Marshallplanes zur Frage des Überlebens. Politisch hingegen scheitert an dem "Für oder Gegen" zur Einführung des Marshallplanes die Allparteienregierung in Rheinland-Pfalz. In Frankreich tritt der Präsident des Weltgewerkschaftsbundes, Léon Jouhaux, zurück. Am 20. Mai 1948 kommt es zu einer erneuten, das gesamte Land Rheinland-Pfalz erfassenden Streikbewegung. Sie führt am 7./8. Juni 1948 zu einem zweitägigen Generalstreik in Ludwigshafen. Mehr als 12.000 Menschen sind im Ausstand. Die Streikenden fordern die Verbesserung ihrer Lebenslage und das Einstellen der Demontagen. Unversehens bekommt die Streikbewegung politisch motivierte Züge. Der französischen Regierung wird bewußt, daß ihre Besatzungs- und Deutschlandpolitik gescheitert ist. Frankreich ist außenpolitisch isoliert. Um sich einen neuen Vertrauensbonus zu schaffen, verfügt die Militärregierung zwei Tage vor der Währungsreform eine fünfzehnprozentige Lohnerhöhung und gestattet Ministerpräsident Peter Altmeier die Einberufung der Ministerkonferenz der deutschen Länder auf dem Koblenzer Rittersturz. Weltpolitisch setzt der Koreakrieg neue Akzente. Der Kalte Krieg hat eine Entwicklung in Gang gesetzt, die nicht voraussehbar war. Bendorf bietet zu Beginn der 50er Jahre das Bild einer aufstrebenden Industriestadt. Die Wunden der Kriegsfolgen beginnen zu vernarben. In der Concordiahütte wird mit einem Kostenaufwand von 4,2 Millionen DM der Startschuß zum Bau einer mechanischen Gießerei zur Fertigung von dünnwandigem Serienguß gegeben. In der Bundesrepublik entbrennt zur gleichen Zeit ein schwerwiegender innenpolitischer Konflikt. In Anlehnung an das Montanmitbestimmungsgesetz fordern die Arbeitnehmer im Bundesgebiet ein modernes, zeitgerechtes Betriebsverfassungsgesetz. Der Erfolg bleibt den Gewerkschaften versagt. Im Mai 1968 kann die Concordiahütte auf hohe Auftragsbestände zurückgreifen. Das hindert den Vorstand der Rheinischen Stahlwerke AG Essen nicht, die Gießereifertigung innerhalb des Unternehmens nach Nordrhein-Westfalen zu verlagern. In der Belegschaft löst das erhebliche Unruhe aus. Die Arbeitsplätze von 700 Menschen sind akut gefährdet. Der Funke des Protestes springt auf die Bevölkerung über. An dem Konkurs der Bendorfer Maschinenfabrik nimmt die Bevölkerung so gut wie keinen Anteil. Daß es sich hier um einen ersten folgenschweren Einbruch in das industriell geprägte Stadtgefüge handelt, will niemand wahrhaben. Noch rauchen die Werksschlote. Doch der tiefgreifende Strukturwandel ist nicht mehr zu übersehen. In den Didier-Werken wird die Produktion zurückgenommen. Bei der Firma Dr. C. Otto & Comp. GmbH läuft die Fertigung aus. Das Gelände der vormaligen Wandplattenfabrik geht in
städtischen Besitz über. Der Bimsabbau neigt sich dem Ende zu. In den Betrieben durchlaufen die Belegschaften Wechselbäder. Überstundenarbeit folgt Kurzarbeit. Umbesetzungen sind mit Lohneinbußen verbunden. Für ausgeschiedene Arbeitnehmer erfolgen keine Neueinstellungen. Am 10. August 1993 erfahren die Betriebsräte der Produktionsstätten der Didier-Werke in Lahnstein und Bendorf, daß ihre Betriebe geschlossen werden. Die Didier-Werke AG Wiesbaden sind in den Strudel der Umstrukturierung des VIAG- Konzerns geraten. Obwohl das Unternehmen mit seinen 7000 Beschäftigten und einem Umsatz von 665 Millionen DM gesund ist, müssen auf Anweisung der Konzernspitze 550 Arbeitsplätze, von denen 150 in Bendorf sind, abgebaut werden. Nahezu zeitgleich wird am 21. August 1993 die Belegschaft der l00prozentigen Tochter des Unternehmens Klöckner Humboldt Deutz, "Feld & Hahn", davon in Kenntnis gesetzt, daß der chemische Apparatebau eingestellt wird. Ausschließlich das Planungs- und Ingenieurbüro soll aufrecht erhalten bleiben. Die Stimmung ist zum Zerreißen gespannt. Sie überträgt sich auf die ausländische Bevölkerung. Das ändert sich schlagartig, als Rechtsextremisten in Mölln einen Brandanschlag an einem türkischen Wohnheim verüben. Als der Bevölkerung bewußt wird, daß die in Schleswig-Holstein liegende Stadt mit ihren 16.800 Einwohnern und zwei Gießereibetrieben viel mit Bendorf gemeinsam hat, macht sich Erschrecken breit. Das verdrängt für eine kurze Zeit die Sorgen um die bevorstehenden Betriebsstillegungen. Haften bleibt aber, daß die Plattform der Integration deutscher und ausländischer Mitbürger die Begegnung am Arbeitsplatz ist. In den frühen Nachmittagsstunden des 22. September 1993 strömen, aus allen Stadtteilen kommend, die Menschen zusammen. Mehr als 2000 Bürgerinnen und Bürger demonstrieren gegen Unternehmerwillkür und solidarisieren sich mit den in Bedrängnis stehenden Arbeitnehmern. Gespannt warten sie auf ihren Ministerpräsidenten Rudolf Scharping. Während starker Regen aufkommt, geschieht etwas nicht Selbstverständliches. Pastor Dietmar Behrensdorf öffnet die Pforten der Kirche. Der Ablauf der Kundgebung ist nicht mehr gefährdet. Eine symbolträchtige Geste, die Sympathie und Verbundenheit zu den Betroffenen ausdrückt. Titelblat des Buches von Fritz Franzen In einem Hirtenbrief verwahrt sich die Geistlichkeit, daß die von Arbeitslosigkeit und Armut betroffenen Menschen zunehmend Diffamierungen ausgesetzt sind. ... An die Arbeitgeber gewandt, heißt es in der Erklärung der Kirchen: "Profit ohne Rücksicht auf die sozialen Folgen darf nicht bestimmend sein für eine Wirtschaftsordnung, die den Anspruch erhebt, eine soziale Marktwirtschaft zu sein." Der dem Krisentisch vorstehende Bürgermeister Dieter Trennheuser hört aufmerksam zu. Dann ergreift er das Wort: "Unlängst wurde von dem Filmproduzenten Lars Ziegenhain in der alten Gießerei der Concordiahütte ein Videoclip aufgenommen. Sein Titel lautete: ,Storms of Octoberé Die Musik wurde von der Koblenzer Newcomer-Band ,Andy Belaqé gespielt. Mich umfingen wehmütige und freudige Empfindungen. Es war mir, als öffne sich das 150 Jahre alte Gebälk unter den Klängen von Rockmusik der neuen Zeit." Die Bendorfer beginnen, sich auf die Zeit danach einzustellen. Der unter dem Motto "Wir trauern um unseren Arbeitsplatz in Bendorf" zum 31. März 1995 ausgerufene Schweigemarsch ist ein letztes Aufflackern des Wehmuts zu den Ereignissen, die sich anschicken, Vergangenheit zu werden. Concordiahütte und Didier- Werke schließen am 31. März 1995 endgültig ihre Pforten. Beim Läuten der Glocken der St.Medardus- Kirche faßt Willi Böhm die Empfindungen des Augenblickes in die Worte: "Das ist ein schwarzer Tag für Bendorf." Die Schlote der Industriestadt Bendorf rauchen nicht mehr. Die Stadt schlägt eine neue Seite ihrer Geschichte auf. Die Herausgeber: Der Förderkreis "Geschichte der Bendorfer Arbeiterbewegung und Gewerkschaften e. V." begleitet seit Anbeginn die Gestaltung und Entwicklung des Industriemuseums. Den Anstoß zur Gründung des Vereins geben der Festakt zum 150jährigen Bestehen der Concordiahütte und die am 20. November 1988 erfolgende Teileröffnung des umgestalteten Museums. Der eingetragene Verein versteht sich nicht als Gewerkschaftseinrichtung. Ihm gehören nahezu 200 Bürgerinnen und Bürger an. In seiner Satzung legt er fest, die Bemühungen des Stadtrates, das städtische Museum in ein "Museum für Sozial-und Industriegeschichte" umzugestalten, zu unterstützen. Zu seinen weiteren Aufgaben zählt, das Erbe der traditionsreichen Arbeiterstadt zu pflegen und seine Geschichte fortzuschreiben. Vor diesem Hintergrund hat der Förderkreis seine Sammlung von Unterlagen und Dokumenten zur Sozialgeschichte der Stadt Bendorf und der Gewerkschaften seinem Mitglied Fritz Franzen zur Auswertung zur Verfügung gestellt und die Herausgeberschaft des Buches übernommen. 50 Jahre Zeitgeschichte als Ausdruck des Wandels in die neue Zeit Ein Buch, das Schicksale von Menschen festhält, die nach 1945 ihr Gemeinwesen wieder aufbauen, die um den Erhalt des Industriestandortes ihrer Stadt kämpfen, als der Strukturwandel unwiderruflich in die Zukunft weist.
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© 2019 GGH-Gesellschaft für Geschichte und Heimatkunde von Bendorf und Umgebung e.V.