von Dietrich Schabow

Am 4. Juli 1776 erklärten die Vertreter der nordamerikanischen Kolonien in Philadelphia ihre Unabhängigkeit vom Mutterland Großbritannien. Die Londoner Regierung wollte die ,,Rebellion“ niederschlagen und bat das Parlament, dafür Truppen zu bewilligen. Eine Armee von 55.000 Mann sollte aufgestellt werden; dafür wurden 30.000 Söldner von deutschen Fürsten gemietet.

George Cressener (1700—1781), von 1763 bis zu seinem Tode Gesandter des Königs von England an den Höfen der rheinischen geistlichen Kurfürsten und bei den kleineren Territorien, war maßgeblich an der Organisation der Truppentransporte von Deutschland nach Amerika beteiligt. ,,Ich bin froh, daß wir deutsche Truppen in unseren Sold nehmen. Es ist der sicherste Weg, den Krieg noch in diesem Jahr zu beenden. Folglich bedeutet es Sparsamkeit, außerdem schonen wir unsere eigenen Leute“, schreibt Cressener 1777.

Der Biographie Cresseners von Albert Schulte, Bonn 1971, auf die sich der vorliegende Artikel stützt, entnehmen wir, daß Bendorf bei dieser unrühmlichen Aktion eine Rolle spielte.(1)

Da das Mittelrheingebiet unter verschiedenen Kleinstaaten aufgeteilt war, war es oft schwer, die Erlaubnis zu erhalten, Soldaten auf Schiffen aus dem Hessischen nach Holland zu transportieren. In Koblenz ließ Kurfürst Klemens Wenzeslaus die Schiffe inspizieren und, sobald man kurtrierische Untertanen fand, diese vom Schiff holen. Andere Soldaten versuchten, dem schrecklichen Menschenhandel durch Flucht zu entgehen, den der Landgraf von Hessen-Kassel mit ihnen trieb. Es kam zu Meutereien, und als Anfang März 1777 Schiffe in Koblenz festgehalten wurden, bedeutete dies noch eine Verlängerung der Qualen für die darauf eingepferchten Menschen um mehrere Tage. Trotz großer Kälte waren die Schiffe weder mit Ofen noch mit Stroh versehen; und weil man mit Recht fürchtete, die Soldaten würden desertieren, erlaubte man ihnen nicht, an Land zu gehen.

Im Herbst 1777 sollten weitere Ersatzkontingente aus Hessen-Kassel und aus Ansbach über Holland nach Amerika gebracht werden. Die Truppen kamen am 12. November 1777 bis Bonn, wo man erfuhr, Preußen werde in seinem niederrheinischen Besitztum Wesel die Durchfahrt verhindern. Cressener sah deshalb nur den Ausweg, die Truppen in einen Ort am Rhein zu bringen, der zu Ansbach gehörte; und dies war seit 1741 in Bendorf der Fall.

Cressener nennt Bendorf ,,eine mit einer Ringmauer versehene Stadt unter einem Gouverneur, dem eine Kompanie Soldaten zur Verfügung steht, die zur Bewachung der Rekruten dienen können“. Er fährt fort: ,,Es ist der einzige Ausweg, den wir in dieser unglücklichen Situation haben.“ (2) Am 18. November 1777 kamen die Soldaten wieder in Bendorf an, das sie etwa zehn Tage zuvor schon einmal passiert hatten. Hier angekommen, stellte aber der ansbachische Oberst Schlammersdorf fest; Bendorf sei für die Einquartierung der Rekruten ungeeignet, so daß diese trotz der Kälte auf den Schiffen blieben.

Der englische Oberst William Fawcett, der sich nur zur Werbung und Musterung von Rekruten in Deutschland aufhielt, schlug vor, von Bendorf aus über Montabaur, Wetzlar, Marburg und Kassel nach Münden/Weser zu marschieren, von wo aus der Einschiffungshafen Bremerlehe zu erreichen war. Cressener kannte die Landschaft besser. Nicht nur seien die Straßen im Westerwald im Winter völlig unbegehbar, es sei auch nicht möglich zu verhindern, daß die meisten Männer desertierten.

Die Lage wurde noch brenzliger, als auch ein hanauisches Kontingent Soldaten bei Bendorf vor Anker ging. Inzwischen hatte man zwar die ansbachischen Schiffe mit Ofen versehen und die Rekruten von Zeit zu Zeit truppweise an Land gehen lassen, um ihnen wenigstens etwas Bewegung zu ermöglichen. Dennoch rechnete man damit, daß die ,,schwelende Meuterei“ offen ausbreche. Am 7. Dezember 1777 wurde der Rücktransport der Truppen nach Hanau angeordnet, wo sie bis Ende Februar 1778 in Kasernen bleiben mußten, um dann doch über Münden und Hannover nach Bremerlehe zu marschieren, wo sie am 8. April die englischen Transportschiffe bestiegen.

Der abscheuliche Menschenhandel, den übrigens auch Friedrich Schiller in ,,Kabale und Liebe“ anprangert, hatte in Bendorf noch ein Nachspiel. Das ansbachische und das hanauische Kontingent hatten eine große Ladung Uniformen und Ausrüstungsgegenstände für andere in Amerika kämpfende Truppen mit sich geführt. Cressener ließ durch seinen Sekretär Bendorfer Einwohner anheuern, die die Ladung vom Rhein in den Ort brachten und in einer Weinkellerei in Bendorf vorläufig aufstapelten. Anfang Februar 1778 wurden die Gegenstände zunächst zum Rhein gebracht, bei Köln auf Ochsenwagen umgeladen und auf dem Landweg in die Niederlande gebracht.

So umging man das preußische Gebiet, dessen König Friedrich der Große in einem Brief an den Markgrafen Alexander von Ansbach-Bayreuth, den damaligen Landesherrn von Bendorf, den Soldatenverkauf als menschenunwürdig bezeichnet hatte.(3)

Literaturnachweis

(1) Schulte, Albert: Ein englischer Gesandter am Rhein. George Cressener als Bevollmächtigter Gesandter an den Höfen der geistlichen Kurfürsten und beim Niederrheinisch-Westfälischen Kreis 1763-1781. Bonn 1971, S. 177.

(2) a.a.O., S. 187.

(3) a.a.O., S. 199.